Ist Sex Arbeit und sollte Arbeit Sex sein?
Die Grüne Jugend fordert die Anerkennung der Sexarbeit als Beruf. Der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e. V. präsentiert sich auf seiner Internetpräsenz seriös mit dem Reichstag und vergibt Gütesiegel. In Berlin sollen zur Entlastung der Anwohner und der Sexarbeiterinnen in der Kurfürstenstraße ab Januar kommenden Jahres mitten in der Innenstadt sogenannte „Verrichtungsboxen“ aufgestellt werden. Die Banalisierung der Entwürdigung von Frauen hält schleichend Einzug in unseren Alltag. Wird „Sexarbeit“ wirklich zu einem Beruf wie jeder andere?
Bereits das Wort „Sexarbeit“ erzeugt im Kopf eine kognitive Dissonanz. Abgesehen von der Befriedigung der Libido drückt Sex in Form der sozialen Interaktion Gefühle wie Zärtlichkeit, Zuneigung und Liebe aus und erfüllt auch die Funktion der Fortpflanzung. In Partnerschaften ist Sex wichtig für die Etablierung und Stabilisierung der Bindung zwischen den Partnern. Das Tauschmittel Geld kommt in Partnerschaften nicht zum Einsatz, da Sex hier im Austausch stattfindet. Und tatsächlich beginnt mit dem Tauschmittel eine Täuschung. Das Wort „Sexarbeit“ suggeriert, dass diese Funktionen des Sex in ihrer Gesamtheit gegen Geld getauscht werden können. Tatsächlich wird nur die Befriedigung der Libido als Dienstleistung angeboten, jedoch als Sex verkauft. Ein Vertragspartner stimmt dabei dem Sex zu, der andere dem Geld. Wenn bei einem sexuellen Akt nur ein Partner Sex möchte, wird das in anderem Kontext als Missbrauch bezeichnet.
Was würde es denn brauchen um „Sexarbeit“ zu einem Beruf wie jedem anderen zu machen? Zu allererst bräuchte es Qualitätsstandards, um eine Vergleichbarkeit der Dienstleistungen zu gewährleisten. Es sollte eine Art Verbraucherschutz geben, um die Käufer vor Betrug zu schützen. Weiter bräuchten wir die Gewährleistung eines betrugssicheren Abrechnungssystems wie in der Gastronomie und im Einzelhandel, die Überwachung des Mindestlohngesetzes und eine Arbeitszeitdokumentation. Dann kämen wir zum Arbeitsschutz gemäß dem Arbeitsschutzgesetz und der berufsgenossenschaftlichen DGUV-Vorschrift 1, was eine Gefährdungsbeurteilung einschließen würde. Besonders die psychische Belastung scheint in diesem „Beruf“ sehr hoch zu sein. Nicht umsonst bezeichnen sich einige Aussteiger aus der Prostitution als Überlebende. Eine Studie aus dem Jahr 2001 in Deutschland belegt dass 60% der Frauen in der Prostitution unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, die in ihrer Intensität denen von Soldaten im Kriegseinsatz gleicht. In anderen Berufen, in denen vom Arbeitnehmer ein hohes Maß an Emotionsarbeit gefordert wird, gibt es die Pflicht zur Supervision. Psychologen oder Sozialarbeiter in Kriseneinrichtungen sind zum Schutz ihrer Psychohygiene und zur weiteren Gewährleistung der Qualität ihrer Arbeit verpflichtet, in gewissen Abständen ihre Tätigkeit supervidieren zu lassen. Schwangere Prostituierte sollten zum Schutz des ungeborenen Lebens einen erweiterten Mutterschutz, wie er in vielen anderen Berufen üblich ist, genießen.
Wenn diese ersten Rahmenbedingungen geschaffen sind, könnten wir ihn zum dualen Ausbildungsberuf erklären. Da ein Abitur nicht zwingend notwendig ist, ginge das bereits nach der Hauptschule, also mit 16 Jahren. Als Dienstleistungsgewerbe würde es in den Bereich der IHK (Industrie- und Handelskammer) fallen. Es würde eine Berufsschule geben, an der verschiedene Fächer unterrichtet würden sowie einen praktischen Teil unter der Aufsicht von Ausbildern. Nach Abschluss der dreijährigen Ausbildung würde, wie in anderen Ausbildungen auch, automatisch der Realschulabschluss erlangt.
Wenn das umgesetzt würde, wäre „Sexarbeiter“ scheinbar ein Beruf wie jeder andere. Dann könnte die Agentur für Arbeit unter Androhung von Leistungskürzung guten Gewissens in die Umschulung zur Prostitution vermitteln. Männer und Frauen. Aufgrund des Gleichstellungsgesetzes müssten diese ihre Leistungen dann unter Umständen Männern und Frauen anbieten. Wollen wir das? Eine Welt, in der jeder Mann und jede Frau jederzeit sexuelle Dienstleistungen kaufen und verkaufen kann ist nicht erstrebenswert. Es entkoppelt die einfache Befriedigung der Libido aus der Komplexität des menschlichen Sexuallebens. Es wäre zu befürchten, dass Vertrauen, gegenseitige Achtung und wirkliche Intimität in sexuellen Beziehungen unter diesem Outsourcing leiden.
Benötigt unsere Gesellschaft denn diesen „Beruf“ wie jeden anderen?
Ein “Ja!” auf diese Frage suggeriert als Verkaufsargument Männern nicht nur ein Recht auf Sex, sondern spricht ihnen sogar die Fähigkeit ab, ihren Sexualtrieb und ihre Frustrationstoleranz zu kontrollieren, wenn ihnen nicht in regelmäßigen Abständen eine Körperöffnung zur Verfügung gestellt wird. Sowohl in der Pflege als auch im Strafvollzug, ja sogar im Maßregelvollzug, gab es in der Vergangenheit Bestrebungen von auf Landesebene regierenden Parteien Prostitution in diesen Bereichen staatlich zu subventionieren, um den anderen dort Beschäftigten die Arbeit zu erleichtern. Dies weiter gedacht entpuppt sich als patriarchale Drohung, nach der um des lieben Friedens Willen einige wenige Menschen zur Triebbefriedigung vieler geopfert werden müssen. Dieser Gedanke ist nicht nur frauenfeindlich, er ist extrem männerverachtend. Er macht Männer zu Menschen einer niederen Entwicklungsstufe, die aufgrund ihrer Sexualität nicht in der Lage sind, ihre Handlungen zu steuern.
Es gibt diesen männlichen Sexualtrieb nicht, dem wir als Gesellschaft eine bestimmte Anzahl von Prostituierten opfern müssen. Es darf kein Recht auf das Zurverfügungstellen von Körperöffnungen geben. Die Prostitution, auch wenn sie freiwillig ausgeübt wird, ist keine Errungenschaft des Feminismus unter dem Deckmantel der sexuellen Selbstbestimmung, sie ist die Kernfrage der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.
Der Beruf ist für viele Menschen identitätsstiftend. Der Einsatz des Tauschmittels Geld führt zum Vergleich und zur Bewertung von Frauen und ihrer sexuellen Fähigkeiten. Und das trifft nicht nur die Anbieter der „Sexarbeit“. Wenn der Freier die „Sexarbeiterin“ verlässt, nimmt er dieses Mindset mit in die Welt. Der Ehemann, Vater oder Bruder maßt sich an, Frauen in seinem Alltag taxieren und bewerten zu dürfen. Frauen und Mädchen gehen miteinander in Konkurrenz in Bezug auf ihre Körperwahrnehmung und ihre Sexualität. Jugendliche stillen heute einen großen Teil ihrer noch unerfahrenen sexuellen Neugier mit Pornos. Ein Drittel aller Pornos zeigt Gewalt. Bei 94% ist das Gewalt gegen Frauen. Schuld daran ist nicht die Pornographie an sich, sie spiegelt unsere Gesellschaft indem sie ihre Nachfrage bedient. Die Möglichkeit sexuelle Befriedigung gegen Geld zu tauschen ist dafür zur Verantwortung zu ziehen.
Mit der Aufstellung dieser für beide Geschlechter entwürdigenden „Verrichtungsboxen“ in Berlin, wie zuvor schon in Köln und Düsseldorf, realisiert der Staat ein Stück mehr die Normalisierung eines Missbrauchs. Er duldet nicht nur, er stellt „Arbeitsplätze“ zur Verfügung und vernachlässigt, dass diese und die Bedingungen unter denen „gearbeitet“ wird in keiner Weise den gängigen Arbeitsschutzbestimmungen entsprechen. Die Straßenprostitution wird damit nicht entspannt und erleichtert, sie wird gefördert. Gerade in der Kurfürstenstraße stehen besonders vulnerable Frauen und Mädchen. Gerade dort ist die Clankriminalität groß. Gerade von dort werden immer wieder Frauen mit Verletzungen wie Mittelgesichtsbrüchen in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert. Keine von ihnen kehrt freiwillig an ihren „Arbeitsplatz“ zurück.
Es gibt sie sicher, diese sich freiwillig Prostituierenden. Sie organisieren sich im Bundesverand Sexuelle Dienstleistungen e. V. und kämpfen für Entstigmatisierung. Sie halten Vorträge, schreiben Bücher und geben Fernsehinterviews. Es sind immer dieselben wenigen. Keine von ihnen steht in der Kurfürstenstraße. Exemplarische Vertreter ihres Standes sind sie nicht, und eine Übersetzung ihrer Forderungen in die Allgemeinheit ist gefährlich und nicht zu Ende gedacht. Das System Prostitution birgt gesamtgesellschaftlich und individuell so große Gefahren, dass der Schutz davor höher wiegen sollte als die Freiheit einiger weniger.
Jana Schleske